Marco Montanez: „Kaum kein Körperteil wird so offensichtlich vernachlässigt wie unsere Füße!“

Wir sind geborene Läufer, aber die Haltungsbedingungen sind mit der Zeit immer schlechter geworden. Aus Freilandhaltung wurde Käfighaltung. Stühle und Schuhe zwingen uns in eine Schonhaltung und die Hardware, unser Järger-Sammler-Körper, leidet unter dem mangelhaften Betriebssystem. Es kommt zu Konflikten und Inkompatibilität.

Das, Herr Montanez, schreiben Sie als überzeugter Barfuß- und Flip-Flop-Geher in Ihrem Gesundheitsratgeber "Unfuck your Feet – Das Comeback eines vernachlässigten Körperteils" Wie kam es dazu, dass Sie sich solche Gedanken über Ihre Füße gemacht haben?

Das war ein längerer Prozess. Während meiner Schulzeit habe ich viel Tennis, Basketball und Fußball gespielt, mir allerdings nie Gedanken darum gemacht, es einmal Barfuß zu tun. Wegen meines sportlichen Backgrounds habe ich mich nach dem Abi dazu entschieden, eine Fitnesstrainer-Lizenz zu machen und mit Wing Chung anzufangen. Wing Chung ist eine wunderbare chinesische Kampfkunst, die aus einem Kung-Fu-Stil entstanden ist. Dabei geht es darum, die Kraft aufzunehmen und in den Boden abzuleiten. „Be water my friend“, sagte Bruce Lee einmal dazu (lacht). Jedenfalls machte ich im Herbst 2011 eine Erfahrung, die mein Leben verändert hat. Ich trainierte alleine mit meinem Wing-Tsun-Lehrer auf einem Balancebalken. Da ich häufig stolperte und nur schwer, mein Gleichgewicht fand, empfahl mir mein Lehrer, einmal die Schuhe auszuziehen. Es war so ein einfacher Ratschlag, dass ich erst stutzte – und natürlich überlegte, ob ich denn auch frische Socken trug und ob wir nicht besser das Fenster öffneten, bevor ich meine Schuhe auszog (lacht). Tatsächlich habe ich den Tipp befolgt und meine Füße in die wiedergewonnene Freiheit entlassen. Der Unterschied war sofort spürbar. Es fehlte an Kraft, aber die kurze Phase, in der mein Körper vom Fundament aufwärts wie eine Einheit funktioniert hatte, hatte meine Lust auf mehr geweckt.

… und dann begann Ihre Forschung nehme ich an?

Ja, ich war überwältigt von dieser Erfahrung und suchte im Internet nach Möglichkeiten, nicht direkt barfuß trainieren zu müssen, aber meine Füße fortan in so wenig Schuh wie möglich zu stecken. Leider war das Angebot ziemlich dürftig. Dennoch bestellte ich mir mein erstes Paar Barfußschuhe, das mein gewohntes Schuhwerk im Alltag und beim Training ersetzte. Meine Fußsohle wurde nicht nur immer aufnahme- und anpassungsfähiger, sondern auch stärker. Das spürte ich besonders auf dem Tennisplatz. Im Spiel bewegte ich mich deutlich leichtfüßiger und man kann sagen, dass ich schneller war, wenn ich mit meinem Bein direkt in den Boden arbeitete.

Ihre Trainingspartner werden den Unterschied doch sicherlich auch bemerkt haben. Erinnern Sie sich noch an die Reaktionen?

Natürlich sorgten meine Schuhe für Aufsehen. Ich erntete Unverständnis, wie ich damit Tennis spielen könne und Spott, weil meine Schuhe vorne so breit waren, dass sie wie Taucherflossen aussähen. Ich nahm jeden Kommentar und jede Frage auf und entwickelte Antworten, verbal und sportlich, wovon ich einige direkt auf dem Platz gab und demonstrierte, dass nicht der Schuh, sondern mein Fuß die Leistung bringt.

Hut ab, dass Sie dennoch durchgehalten haben. Vermutlich gab es ein Ereignis, das Sie dazu bewegt hat, Ihre Erfahrung mit anderen zu teilen?

Ja, ich hatte damals eine junge Tennisschülerin, die regelmäßig über Schmerzen in der Ferse und Achillessehne klagte. Sie erhielt selbstverständlich von ihrem Orthopäden Einlagen. Zunächst schien das Problem gelöst. Zumindest kurzzeitig. Doch durch die Erhöhung hatte sich die Körperstatik verändert, weshalb sie nun Probleme in der Stabilität ihres Sprunggelenks hatte. Ich riet ihr dazu, die Einlage wieder herauszunehmen und wir trainierten immer wieder mal barfuß. Tatsächlich verschwanden die Schmerzen und die Stabilität nahm deutlich sichtbar zu.
Dieses Ergebnis stand zunächst im Widerspruch zu allem, was ich in den letzten 25 Jahren gelernt und erfahren hatte. Wenn so kleine Veränderungen am Fundament so große Wirkung zeigten, dann müsste das doch bekannt sein. Weit gefehlt.

Das ist wirklich erstaunlich.

In der Tat. So mal auch bei Basketball viele Spieler bereits in der Jugend Bandagen oder stützende Manschetten trugen. Mich eingeschlossen. Und dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – klagten viele über regelmäßige Schmerzen.

Zum Glück werden wir heute dank Ihnen eines Besseren belehrt. Wie gelang Ihnen der große „Durchbruch“ als Barfußexperte?

Ich nahm Kontakt zum Hersteller meiner Barfußschuhe auf, weil ich zum einen Schuhe für mich und meine Kunden beziehen und zum anderen meine Erfahrungen rund um den Umgang mit dem Barfußschuh als Trainingsgerät teilen wollte. Der Hersteller entschied sich für eine Kooperation mit mir und wir entwickelten gemeinsam ein Konzept für Fitnessstudios, die zukünftig Schuhe verkaufen sollten. Während der Promotionstour lernte ich five kennen, ein besonderes Beweglichkeitskonzept, bei dem man ebenfalls die Schuhe ausziehen musste. In einem five-Studio gab ich meinen ersten Barfoot-Running-Workshop. Nur mit einem Wochenendkurs ist es aber leider nicht getan. Er ist lediglich die Basis für das Barfußgehen.

Das kann ich gut nachvollziehen. Ein Perspektivwechsel benötigt viel Zeit, was natürlich bedeutete, dass Sie das Konzept ausbauen mussten…

Genau. Ich assistierte dem Biomechanikexperten und „Born to Run“-Coach Lee Saxby bei seinem ersten Lehrgang in Deutschland. Nach dem dreitägigen Lehrgang wurde ich der erste von ihm und dem berühmten Harvard-Professor Daniel Lieberman zertifizierte Barefoot Coach in Deutschland und bildete die meisten der in Deutschland mittlerweile zahlreich vertretenen Barfußtrainer aus.
In dieser Zeit wurden mir zwei Dinge klar. Zum einen, wie tief greifend und wichtig das in meinen Workshops vermittelte Wissen war. Zum andern, wie schwierig diese doch sehr einfachen Wahrheiten umzusetzen waren.

Wie gelang es Ihnen, sich als „der große Zeh“ in Deutschland zu etablieren?

Einer meiner Tennisschüler sprach mich eines Tages nach dem Training an, ob ich seinen Mitarbeitern zum Thema gesunde Füße was erzählen könne. Im Zuge dieses Gesprächs entstand eine Zusammenarbeit mit der Kieser Training AG und ich entwickelte ein Schulungskonzept, das das Training der Füße, aufbauend auf der Hierarchie der menschlichen Fortbewegung, Stehen, Gehen und dann Laufen, in den Fokus rückte. Wir konzentrierten uns auf das Wesentliche, um den Fuß auf Werkseinstellung zurück zu setzen. Das Feedback war immer sehr positiv und ich habe durch dieses Konzept letztlich eine Lücke gefüllt.

Sie haben mich wirklich vom Barfußgehen überzeigt. Wenn ich jetzt meine Schuhe ausziehe, mit welchen Herausforderungen müsste ich dann rechnen?

Leider können die meisten Menschen heutzutage nicht mehr richtig laufen. Durch das Fußbett und all die Stützelemente sind unsere Füße dumm und träge, denn Füße brauchen alles, außer einem Bett. Das, was an Fähigkeiten vorhanden ist, wird jeden Tag weniger, sodass ohne Schuhe und Unterstützung des Sprunggelenks nicht mehr gegangen oder gelaufen werden kann. Wir haben vergessen, wie man läuft, aber eine Kopie der verschollenen Software ist noch irgendwo auf unserer Festplatte.

Fangen Sie deshalb zunächst mit dem Barfußstehen an und steigern Sie sich langsam. Erst gehen, dann laufen. Es wird einige Zeit dauern, bis sich der Fuß wieder daran gewöhnt. Die Übungen in meinem Buch helfen dabei. Wenn Sie sofort 10 Kilometer joggen würden, werden Sie sich wahrscheinlich verletzen. Also ein Schritt nach dem anderen Schritt – Sie werden sehen, wie Sie stabiler und leistungsfähiger werden.

Über den Barfußexperten:
Marco Montanez, auch bekannt als „der große Zeh“, ist der Barfußexperte in Deutschland. Er bringt das Thema Füße ins Bewusstsein und auf die große Bühne. Als Experte für Biokinematik und Faszientraining hat er Tausende von Zuhörern begeistert und Therapeuten und Trainer für sein Konzept Toebility gewinnen können.

Über das Buch:
Sein im Februar 2018 veröffentlichter Ratgeber "Unfuck your Feet – Das Comeback eines vernachlässigten Körperteils" lenkt die Aufmerksamkeit auf unsere Füße sowie den großen Zeh. Zunächst wir der Leser auf eine unterhaltsame und bilderreiche Reise von der Evolution des zweibeinigen Fußgängers bis zum modernen Turnschuh und den Irrungen und Wirrungen der modernen Orthopädie und ihren Einlagen eingeladen. Im Anschluss daran bietet das Buch Hilfe bei gängigen Fußproblemen wie Hallux valgus oder Fersensporn. Die zahlreichen Fuß-Fitness-Übungen in diesem Ratgeber machen unsere Füße endlich fit und holen sie aus ihrem Schattendasein heraus.

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