Hightech-Informationssysteme statt Zettel an der Lampe

Die Forschungsgruppe „Computerassistierte Medizin“ an der Fakultät Informatik der FH Reutlingen entwickelt gemeinsam mit der RZ Medizintechnik GmbH ein spezielles Tablet, das Chirurgen Daten und Patienteninformationen direkt in den OP-Bereich liefert. Die Idee für die Entwicklung entstand im Rahmen von „Einschnitte – Einblicke“, einer einzigartigen Workshopreihe, die Medizintechniker und Chirurgen gemeinsam an den OP-Tisch bringt, um Bedarfe für Innovationen zu ermitteln und diese dann zu initiieren. Inzwischen erhält das Projekt Fördermittel vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg sowie vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Bereits 2019 sollen die ersten Systeme im OP zur Verfügung stehen.

Im Juni 2016 wurde erstmals zu „Einschnitte – Einblicke“ eingeladen. In dieser gänzlich neu konzipierten Workshop-Reihe, die die BioRegio STERN Management GmbH gemeinsam mit dem Verein zur Förderung der Biotechnologie und Medizintechnik e.V. und dem Interuniversitären Zentrum für Medizinische Technologien Stuttgart – Tübingen IZST veranstaltet, erhalten Medizintechniker exklusiv die Gelegenheit, mit Ärztlichen Direktoren und Oberärzten aus verschiedensten Fachrichtungen am OP-Tisch zu stehen und über den „Medical Need“ zu diskutieren. Die Kombination aus Live-OP-Übertragungen sowie praktischen Übungen im OP des Instituts für Klinische Anatomie und Zellanalytik der Universität Tübingen ist bislang einzigartig; der offene Dialog soll die Teilnehmer zu ganz neuen Ideen, Instrumenten und Verfahren für den OP inspirieren.

„Kleine und mittelständische Unternehmen haben häufig nicht die Möglichkeit, direkt mit Fachärzten zu diskutieren“, bestätigt Andreas Banescu von der RZ Medizintechnik GmbH aus Tuttlingen. Er folgte daher gerne der Einladung zum Workshop, damals mit dem Schwerpunktthema „Beckenchirurgie“ und konnte live erleben, welche Probleme die Chirurgen bei der Beleuchtung und Visualisierung des Operationsbereichs hatten. Ob endoskopisch oder offen operiert: Die Chirurgen wünschten sich Monitore, die sie nicht zwingen, vom Patienten wegzuschauen, sondern im Blickfeld des Operateurs angebracht sind.

Nach fachlicher Diskussion überzeugte die Idee eines Tablets zum Einsatz direkt am OP-Tisch die Professoren Prof. Dr. Bernhard Hirt, Ärztlicher Direktor des Instituts für Klinische Anatomie und Zellanalytik, und Prof. Dr. Arnulf Stenzl, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Urologie und Direktor des Interuniversitären Zentrums für Medizinische Technologien Stuttgart – Tübingen (IZST). Inzwischen arbeiten die Entwickler des mittelständischen Medizintechnikunternehmens gemeinsam mit Medizinisch-Technischen-Informatik-Doktoranden der FH Reutlingen an einem Tablet mit ausgeklügelten Applikationen. Prof. Dr. Oliver Burgert von der Fakultät Informatik ist verantwortlich für das Informationssystem, das dem Chirurgen während der Operation Zugriff auf alle für ihn relevanten Informationen gibt, ohne dass er sich vom OP-Feld abwenden muss. „Aller Technik zum Trotz ist der ‚Zettel an der OP-Lampe‘ noch weit verbreitet“, erklärt Prof. Burgert. „Unsere Software soll dem Chirurgen ermöglichen, vorab einfach auszuwählen, welche Daten, beispielsweise über Vorerkrankungen, Unverträglichkeiten oder radiologische Bilder, ihm zu welchem Zeitpunkt der Operation zur Verfügung stehen sollen. Diese Informationen kann er dann mühelos über ein steril verpacktes Tablet nahe am Patienten einsehen und bedienen.“ Das System soll nicht nur Daten des Patienten liefern, sondern auch die Visualisierung, beispielsweise bei der Endoskopie, unterstützen und bei Bedarf den kompletten Operationsablauf dokumentieren.

Die ersten Prototypen wurden erfolgreich getestet, der erste prototypische Test im OP ist bereits für 2019 geplant. Möglich gemacht haben dies auch Fördermittel in Höhe von 477.000 Euro, die jeweils zur Hälfte vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg und vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) stammen. Das Tablet hatte die Gutachter des neu ausgeschriebenen Programms „HAW-KMU-TT“, das den forschungsorientierten Technologietransfer zwischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) und kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Region fördern soll, sofort überzeugt.

„Einschnitte – Einblicke“ ist eine Erfolgsgeschichte, die weitergeschrieben wird“, ist sich BioRegio STERN-Geschäftsführer Dr. Klaus Eichenberg sicher. „Im nächsten Jahr sind Workshops zu den Themen ‚Extremitäten, Bewegungsapparat’ am 6. Februar und ‚Intelligente Dauerimplantate’ am 3. Juli geplant. Wir freuen uns auf viele weitere spannende Diskussionen und Innovationen.“

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Die BioRegio STERN Management GmbH ist Wirtschaftsentwickler für die Life-Sciences- Branche. Sie fördert im öffentlichen Auftrag Innovationen und Start-ups und trägt so zur Stärkung des Standorts bei. In den Regionen Stuttgart und Neckar-Alb mit den Städten Tübingen und Reutlingen ist sie die zentrale Anlaufstelle für Gründer und Unternehmer. Die BioRegion STERN zählt zu den großen und erfolgreichen BioRegionen in Deutschland. Alleinstellungsmerkmale sind die bundesweit einzigartige Mischung aus Biotechnologie- und Medizintechnikunternehmen sowie die regionalen Cluster der Automatisierungstechnik, des Maschinen- und Anlagenbaus.

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