Tiefe Faszination für die menschliche Wahrnehmung
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Montag, Jan. 12, 2026
Rückkehr an einem schicksalshaften Tag
Eine ideale Möglichkeit dazu bot sich ihm fern der Heimat, am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo Weiss in Brain and Cognitive Sciences promovierte. Eine prägende Zeit: „Mein Doktorvater Ted Adelson forschte sowohl im Bereich Computer Vision als auch zu Human Vision. Er interessierte sich dafür, wie das menschliche Sehsystem funktioniert. Damals hat mich die Neugier gepackt: Ich wollte nicht nur wissen, wie Computer künstliche Intelligenz erzeugen, sondern auch, wie menschliche Intelligenz und Wahrnehmung funktionieren.“
Mit dem Doktortitel in der Tasche und nach drei Jahren als Postdoc an der Informatik-Fakultät der University of California in Berkeley zog es Weiss zurück in die Heimat – an die HUJI, an der er seitdem ohne Unterbrechung tätig ist. Genau am schicksalshaften 11. September 2001 landete er in Jerusalem. „Ich kam morgens mit einem Jetlag an und ging schlafen“, erinnert er sich. „Als ich am Nachmittag aufwachte, sagte mir jemand, ich solle den Fernseher einschalten. Die Bilder waren unglaublich. Mein Gehirn konnte nicht verarbeiten, was meine Augen sahen.“
Für große Teile der Welt markierte der Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center den Beginn einer Zeit der Angst und Unsicherheit. Auch für Yair Weiss begann damals ein neuer Lebensabschnitt – allerdings einer, der von Zufriedenheit und Kontinuität geprägt ist. Er wurde vom Senior Lecturer zum Associate Professor und schließlich zum regulären Professor befördert und genießt seither die Vorzüge der israelischen Forschungslandschaft: „Wir haben sehr gute Studenten und Doktorandinnen und verbringen als Professoren weniger Zeit damit, finanzielle Mittel zu beschaffen, als das an vielen anderen Orten auf der Welt der Fall ist.“
Fruchtbare Kooperationen
Hinzu kommt eine sehr lebendige Interaktion zwischen Industrie, Start-ups und Wissenschaft: „Wir sind eine relativ kleine, junge Gesellschaft, in der sich viele Menschen kennen und Freundinnen oder Freunde in der Industrie oder an Hochschulen haben. Das Ökosystem ist eng verzahnt.“ Stolz berichtet er, dass sein Kollege Prof. Amnon Shashua das Unternehmen Mobileye mitgegründet hat, das autonome Fahrtechnologien und Fahrassistenzsysteme entwickelt. Es wurde 2017 für 15 Milliarden Dollar an Intel verkauft.
Die Globalisierung hat Israel also längst erfasst. Das merkt Weiss an seinen heutigen Studierenden: Fast alle haben Zeit im Ausland verbracht und sprechen fließend Englisch. Er sieht es an der Zusammenarbeit seiner Universität mit der TUM im „TUM HUJI AI Hub“ und in den Bereichen Neurowissenschaft sowie Informatik und Recht. Er selbst hat bereits dreimal am Global Technology Forum teilgenommen, um Kontakte zwischen Forschenden am TUM Campus Heilbronn und der HUJI herzustellen. Künftige Kooperationen im Bereich „KI für das soziale Wohl” kann er sich gut vorstellen.
Unverhoffter Erfolg
KI ist für Weiss jedoch Segen und Fluch zugleich: Er macht sich keine Illusionen darüber, dass manche Studierende ihre Übungsaufgaben von ChatGPT lösen lassen. Sogar im Wissenschaftsbetrieb ermögliche KI Betrügereien: „Manche Forschende erstellen gefälschte Konten, damit sie ihre eigenen Arbeiten begutachten können.“
Vielleicht zweifelt Yair Weiss in solchen Momenten an seinem wissenschaftlichen Idealismus. Doch verzweifeln möchte er nicht – dazu bietet ihm die Forschung zu viele großartige Erfahrungen. So wie bei seiner Publikation über Spektrales Clustering, die völlig unvermittelt durch die Decke ging. „Die Arbeit war eine theoretische Abhandlung darüber, wie ein bestimmter Clustering-Algorithmus unter bestimmten Bedingungen funktioniert. Wir haben eine kleine Änderung in der Art und Weise entdeckt, wie Menschen den Algorithmus ausführen, wodurch er noch besser funktioniert.“ Heute wird der Algorithmus etwa zur Analyse von Gerichtsurteilen angewandt: „Die Arbeit wird rege zitiert, weil der Algorithmus leicht zu verwenden ist und dadurch auch von Menschen in anderen Disziplinen genutzt werden kann.“ Hier zeigt sich wieder, was Wissenschaft für Weiss so spannend macht: „Man weiß nie, welche der eigenen Beiträge am meisten gelesen werden und den größten Einfluss haben. Manchmal stecken darin wichtige Botschaften, die man erst im Rückblick erkennt.“
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