Mein Weg ins Handwerk – Vier Frauen erzählen ihre Geschichte
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Mittwoch, März 4, 2026
Sophie Renfftlen – Selbstbewusst ins Schreinerhandwerk
Ihre handwerklich geprägte Familie weckte schon früh in Sophie Renfftlen aus Göppingen die Neugierde fürs Handwerk. Ihr Großvater, selbst Gipser, ermutigte sie, selbstständig und unabhängig zu sein. In den Berufsorientierungsgesprächen in der Realschule hieß es hingegen häufig, man solle doch noch weiter zur Schule gehen, um dann studieren zu können. Das kam für Sophie Renfftlen aber nicht in Frage. Sie wollte endlich praktisch arbeiten und einen Beruf lernen.
Nach dem Abschluss folgte sie 2016 daher ihrer Begeisterung für Möbel und Design und absolvierte ein Praktikum in der Schreinerei Fritz Möbelwerkstätte in Göppingen. Sofort verliebte sie sich in das Arbeiten mit Holz und blieb im Betrieb, um ihre Ausbildung zu absolvieren. Anfangs war vieles neu, und besonders vor ihren ersten Kundenterminen hatte sie Respekt. „Ich hatte etwas Bammel, ob ich das allein schaffe und ob man mich als junge Frau ernst nimmt“, gesteht die heute 26-Jährige. Doch die Sorge erwies sich als unbegründet: Betrieb, Berufsschule und Kundschaft begegneten ihr offen. Viele zeigten sich beeindruckt, dass sie diesen Weg gewählt hatte – eine Erfahrung, die ihr Selbstbewusstsein stärkte.
Ihr wichtigster Rat an junge Frauen: Probiert euch aus! Praktika in verschiedenen Gewerken seien der beste Weg, herauszufinden, ob ein handwerklicher Beruf zu einem passe. „Das Handwerk bietet so viel Raum für Kreativität und nach der Ausbildung hat man vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten“, schwärmt Sophie Renfftlen. Nach der Gesellenprüfung ist sie ihrem Ausbildungsbetrieb treu geblieben, wo sie sich auf den Bau von Massivholz-Einzelmöbeln spezialisiert haben. Zudem übernimmt sie die Aufgaben in der Lackierabteilung und als nächsten Schritt denkt sie über die Meisterschule nach. Mit ihrem Weg zeigt Sophie Renfftlen eindeutig: Wer anpacken und etwas gestalten möchte, der ist im Handwerk genau richtig.
Sandra Pavokovic – Als Quereinsteigerin ins Handwerk
Der Weg ins Handwerk war für Sandra Pavokovic aus Remseck alles andere als vorgezeichnet, obwohl sie im Metallbaubetrieb ihres Vaters aufgewachsen ist. „Ich wollte meinen eigenen Weg gehen“, sagt die 28-Jährige rückblickend. Im Freundinnenkreis galt das Handwerk lange nicht als erste Wahl. Für Sandra ging es daher zunächst an die Hochschule: ein betriebswirtschaftliches Studium, anschließend mehrere Jahre Berufserfahrung in der Finanzbranche.
Doch 2023 fällt die Entscheidung, die vieles verändert. Sandra Pavokovic steigt in den Familienbetrieb mit ein, der seit 2017 von ihrem Bruder und Metallbaumeister Christian Pavokovic geführt wird – direkt in die Geschäftsführung, ohne klassische handwerkliche Ausbildung. Ein mutiger Schritt, der sich auszahlt. „Meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse und die handwerkliche Kompetenz meines Bruders, das ergänzt sich ideal“, sagt sie. Sie verantwortet Büro, Finanzen und Organisation, hilft Auszubildenden bei schulischen Fragen und hat sich das nötige handwerkliche Know-how für Kalkulation und Angebotserstellung Schritt für Schritt selbst erarbeitet. Das Modell kommt an: „Viele Betriebe, mit denen ich mich austausche, sehen die Stärke eines solchen Zweiergespanns aus BWL und Handwerk in der Führung und würden sich eine ähnliche Konstellation wünschen.“
Für die junge Unternehmerin ist ihr Weg ein Beweis dafür, wie vielfältig Karrieren im Handwerk heute aussehen können. Neben ihrer Arbeit im Betrieb engagiert sie sich ehrenamtlich als Vorsitzende im Meisterprüfungsausschuss der Metallbauer. Ein Amt, das sie besonders motiviert. „Dieses Jahr haben wir drei Frauen im Kurs. Erfahrungsgemäß bringen Frauen in solchen Kursen viel Schwung hinein und zeigen hervorragende Leistungen. Das bestätigt mir: Wir Frauen können eben auch im Handwerk erfolgreich sein.“
Mit ihrer Geschichte zeigt Sandra Pavokovic, dass modernes Handwerk längst mehr ist als Schrauben, Schweißen und Stahl – es ist Teamarbeit, Unternehmertum und ein Berufsfeld mit Zukunft für alle, die Verantwortung übernehmen möchten.
Katja Ehle – Von der Musik in die Schreinerei
Der Einstieg ins Handwerk verlief für Katja Ehle aus Deizisau nicht wie bei vielen anderen über einen elterlichen Betrieb, sondern über ihre Leidenschaft für Musik. Ihr Traum: Orgelbauerin werden. Mit 19 Jahren suchte sie sich daher nach dem Abitur gezielt einen Orgelbaubetrieb für eine Ausbildung. Zur Vorbereitung auf die Lehre sollte sie ein Jahr die Holzfachschule besuchen, an der auch angehende Schreinerinnen und Schreiner beginnen. Dort merkte sie schnell: Nicht nur die Musik fasziniert sie, auch das Arbeiten mit Holz. Die Begeisterung war so groß, dass sie nach dem Schuljahr nicht in den Orgelbau zurückkehrte, sondern ihre Ausbildung zur Schreinerin vollendete. Ein Schritt, den sie bis heute nicht bereut. „Nur durch das Ausprobieren in der Schule habe ich erkannt, wie viel Freude mir die Holzbearbeitung macht“, erzählt die 47‑Jährige. Es folgte das Studium zur staatlich geprüften Einrichtungsfachberaterin, eine Weiterbildung zur geprüften ArbeitsplatzExpertin sowie die Weiterbildung zur Betriebswirtin des Handwerks.
Heute ist ihre persönliche Mission in der Schreinerei Ehle, mehr junge Menschen fürs Handwerk zu gewinnen: „Das geht nur, wenn sich die Jugendlichen ausprobieren können, Holz anfassen, Werkzeuge nutzen, Handwerk begreifen können. Wenn sie dann erste Erfolgserlebnisse haben und sagen ‚Das habe ich selbst gemacht‘, kann die Begeisterung überspringen.“ Regelmäßig bietet Katja Ehle daher Praktikumstage oder Praktikumswochen bei sich in der Werkstatt an oder besucht Schulen. Dort beobachtet sie, dass sich noch immer weniger Mädchen einen technischen Beruf zutrauen. „Die Mädels sind im Umgang mit Werkzeugen oft zurückhaltender, dabei gelingt es ihnen meist sogar besser, wenn sie sich erst einmal trauen“, erzählt die Schreinerin. Sie ermutigt daher junge Frauen, sich auch in technischen Berufen auszuprobieren: „Erst dann kann man wissen, ob der Beruf etwas für einen ist und ob man darin gut ist.“ Katja Ehle beweist, dass es den einen klaren Weg oft nicht gibt. Manchmal muss man unterwegs auch die Richtung ändern, um ans Ziel zu kommen.
Lisa Borrmann – Durch Zufall ins Malerhandwerk
Was als Voraussetzung für ein duales Studium begann, wurde für Lisa Borrmann aus Asperg zur beruflichen Leidenschaft: Für ihren Bachelor in BWL – Handwerk musste sie eine handwerkliche Ausbildung absolvieren. „Dass es eine Ausbildung zur Malerin und Lackiererin war, war eher Zufall, weil ich mein duales Studium in einem Malerbetrieb absolviert habe“, berichtet die 30-Jährige. Schon früh war ihr klar, dass sie nicht nur studieren wollte, ihr war die Abwechslung zwischen Theorie und Praxis wichtig. Während der zweijährigen Ausbildung merkte sie dann schnell, wie gut ihr die Arbeit gefiel. „Mich hat die kreative Gestaltung, das sichtbare Ergebnis meiner Arbeit und auch der Kontakt zu den Kunden begeistert“, erzählt Lisa Borrmann.
Nach Ausbildung und Studium folgte der Meistertitel. 2022 gründete sie dann gemeinsam mit Luca und Fabio Adami den Malermeisterbetrieb Borrmann GmbH – ein mutiger Schritt, der sich gelohnt hat. Doch leicht war der Weg dorthin nicht immer. Gut gemeinte, aber falsche Ratschläge wie „Das ist nichts für Frauen“ oder Zweifel an ihrer körperlichen Belastbarkeit kennt die Malermeisterin gut: „Das größte Hindernis ist oft nicht die Arbeit selbst, sondern die Erwartungshaltung anderer.“ Doch sie hat gelernt, sich mit Kompetenz, Zuverlässigkeit und einem Blick fürs Detail durchzusetzen. Viele Kunden schätzen gerade ihre weibliche Perspektive bei Farbberatung und Raumwirkung.
„Gerade junge Frauen sollten auf ihr Bauchgefühl hören und sich nicht von Klischees verunsichern lassen. Ob man fürs Handwerk brennt, kann man am besten in Praktika oder an Schnuppertagen herausfinden“, sagt Lisa Borrmann. Wer gerne praktisch arbeite, kreativ sei oder Freude daran habe, am Tagesende ein sichtbares Ergebnis zu sehen, sei im Handwerk bestens aufgehoben. Das Malerhandwerk biete aus Sicht der Jungunternehmerin große Chancen: sichere Perspektiven, vielfältige Weiterbildungen und die Möglichkeit, später selbst einen Betrieb zu führen. In Zukunft möchte Lisa Borrmann selbst ausbilden, um jungen Menschen, insbesondere Frauen, zu zeigen, dass das Malerhandwerk eine echte Karriereoption ist.
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