„Und der Frühling kam trotzdem“ – Eine Matinée voller Erinnerungen, Poesie und leiser Kraft

Es ist ein Sonntag im März. Die Sonne scheint – und sie spiegelt sich in den Gesichtern von mehr als 90 Gästen. Sie sind der Einladung der PAPILLONS zur ersten Sonntagsmatinée gefolgt. Was sie erwartet, ist mehr als eine Lesung: Gedichte, Erinnerungen, gelebte Geschichte. Poesie – mitten im Pflegewohnheim.

Poesie an einem Sonntagmittag

Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Auf der Bühne: eine lange Tafel, elf Menschen.  Dahinter Blumen als zarte Frühlingsboten. Acht Mitglieder des PAPILLONS-Ensembles, eine Jugendliche, dazu die künstlerische Leiterin Christine Vogt und Michael Hanemann, Schauspieler und Unterstützer der Gruppe seit ihrer Gründung vor zehn Jahren. Das Bühnenbild ist schlicht – und gerade deshalb wirkungsvoll.

Zwischen Zauberstab und Klavierklängen

In der ersten Reihe sitzt eine Jugendliche, die mit einem kleinen Zauberstab die Einsätze der Lesenden koordiniert. Am Rand begleitet eine weitere Engagierte mit feinen Klavierklängen. Das Publikum ist gemischt: treue PAPILLONS-Besucherinnen und -Besucher ebenso wie viele neue Gesichter. Auffällig: die Mehrheit ist weiblich, viele zwischen 55 und 95 Jahren. Auch Bewohner*innen des Hauses sind gekommen – für sie ist die Matinée eine willkommene Abwechslung.

Kindheit, Krieg und Frühling

Die Ensemblemitglieder lesen eigene Gedichte – entstanden in einer Poesiewerkstatt. Ihre Texte kreisen um den Frühling, um Natur, um Erinnerungen an Kindheit in den 1940er- und 50er-Jahren. Auch Werke der verstorbenen Mitbewohnerin Aldona Gustas, einer renommierten Malerin und Dichterin, finden ihren Platz – eindringlich vorgetragen, voller Kraft. Udo Thiel erzählt von seiner Kindheit auf dem Land: Kühe eintreiben, als Lohn ein Wurstbrot und 20 Pfennig. Die Bäuerin sei „netter als meine Mutter“ gewesen – weich, zugewandt. Die eigene Mutter hingegen: hart. Ursula Krupp flüchtet in ihren Erinnerungen auf die Wiese, wenn der Streit im Haus zu groß wird – hinein in eine Welt aus Pflanzen, Insekten und Schmetterlingen. Doch sie schreibt auch über den Frühling im Krieg. Der Rhythmus ihres Gedichts trägt die Angst eines Fliegeralarms. Im Raum wird es still, als sie liest: „Da ist erst kein Gefühl, nur Reaktion. Überlegungen hätten das Leben gekostet. Und der Frühling kam trotzdem.“

Zwischen Lachen und Liedern

Auch leichtere Töne haben ihren Platz: Bernd Leichsenring verbindet den Frühling mit Liebe und Lust. Als er von der „wilden Hilde“ erzählt, geht ein Lachen durch den Saal. Spontan stimmt er das Steigerlied an – das Publikum lächelt, einige singen mit. Für einen Moment wird aus der Lesung ein gemeinsames Erlebnis.

Gemeinschaft auf der Bühne

Wenn Stimmen nachlassen, hilft das Ensemble einander. Udo Thiel übernimmt Gedichte eines Mitstreiters – nicht ohne ihn vorher respektvoll um Zustimmung zu bitten. Thorsten wird von Michael Hanemann unterstützt, der seine Texte mitträgt, ihnen zusätzliche Klarheit verleiht. Es sind leise Gesten der Solidarität – und sie erzählen fast ebenso viel wie die Gedichte selbst.

Eine leise, große Erkenntnis

Viele Texte kreisen um ein zentrales Motiv: den Lauf der Natur. „Es gibt Krieg und Vernichtung. Trotzdem kommt der Frühling“, heißt es in einem Gedicht. Eine einfache, fast tröstliche Wahrheit – für eine Generation, die Krieg erlebt hat. Und für eine Gegenwart, die wieder von Unsicherheiten geprägt ist.

Applaus und Tränen

Nach rund 50 Minuten endet die Matinée. Christine Vogt verabschiedet das Publikum, bittet um Spenden. Thorsten hebt seinen Zylinder – mit einem Lächeln. Dann: Applaus. Langanhaltend, kraftvoll, fast fünf Minuten. Im Publikum sind Tränen zu sehen. Viele wirken tief berührt. „Es geht im Leben doch immer um die einfachen Dinge: Begegnung, Familie, Natur“, sagt eine Besucherin später. Eine andere meint: „Die Natur nimmt ihren Lauf – egal, was wir Menschen tun.“ Und wieder eine andere bringt es auf den Punkt: „Dass dieses Ensemble eine Bühne bekommt und seine Geschichten teilt – das ist eine einmalige Erfahrung.“

Die Bühne, die bleibt

Genau darin liegt der Kern der PAPILLONS: Hochaltrigen Menschen, viele von ihnen mit Demenz, eine Stimme zu geben. Ihnen Raum zu schaffen für ihre Erinnerungen, ihre Poesie, ihre Würde. Und zugleich die Stadtgesellschaft an einen Ort zu holen, der sonst oft verborgen bleibt: das Pflegewohnheim „Am Kreuzberg“, mitten im Bergmannkiez. Es ist der Lebensort des Ensembles. Und ihr letztes Zuhause.

An diesem Sonntagmorgen aber ist es vor allem eines: eine Bühne voller Leben.

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