Zwischen Krieg und Frieden – Zeitzeugengespräch über die Gefahren von Atomwaffen im Kalten Krieg und heute
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Mittwoch, Apr. 1, 2026
Mehr als dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges hat der russische Angriffskrieg in der Ukraine die Ängste vor dem Einsatz von Atomwaffen wieder ins Gedächtnis gerufen. Dieses Thema beschäftigt auch Dr. Philipp Sonntag, der zwischen 1964 und 1971 Jahren an Kriegsfolgestudien zu Wirkung von Kernwaffen gearbeitet und die nukleare Aufrüstung während des Kalten Krieges persönlich miterlebt hat.
„Kaum sonst etwas auf dieser Welt könnte mich mehr erschrecken als heute diese Schlagzeile: ‚Das atomare Gespenst kehrt zurück‘“
Die Aussagen des US-Präsidenten Donald Trump vom 31. Oktober 2025, die USA sollten nach 33 Jahren neue Atomwaffentests durchführen, stellen einen weiteren Schritt in der Eskalation der atomaren Rhetorik seit Februar 2022 dar. Auch wenn Expert*innen davon ausgehen, dass Trump über Tests redet, die im Labor durchgeführt werden können und keinen Atompilz produzieren möchte, gibt sich Dr. Philipp Sonntag besorgt. „Zum ersten Mal fühle ich mich in Berlin nicht mehr sicher vor der Explosion einer Atomwaffe, genau hier!“
Berlin im Fadenkreuz der Geschichte
Das erinnert ihn an die Geschichte der Atombombe. Diese wurde auf Ratschlag des deutsch-ungarischen Physikers Leó Szilárd von der US-Regierung im Zweiten Weltkrieg gebaut. Berlin wurde als erstes Ziel für den Abwurf der ersten Atombombe ausgewählt. “Doch die Nationalsozialisten kapitulierten drei Monate zu früh”, erzählt Dr. Sonntag, und die Bombe wurde stattdessen gegen Japan gerichtet.
Forschung an der Grenze des Vorstellbaren
Als Diplom-Physiker war er an einem Forschungsprojekt der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler/Verantwortung der Wissenschaft (VDW) beteiligt, bei dem es um die Berechnung von Zerstörungsszenarien durch einen möglichen Atomkrieg in Deutschland ging. Im Gespräch zeigte er uns modellhafte Abbildungen, an denen er gearbeitet hat. Sie zeigten, wie eine einzige Atombombe über die unmittelbare Vernichtung hinaus noch weitere Dörfer und ganze Städte mit radioaktiver Strahlung verseuchen könnte. Ein defensiver Einsatz von Atombomben, um Truppen abzuwehren, würde zur Selbstzerstörung führen.
Warum es keinen „begrenzten“ Atomkrieg geben kann
Auch mit dem Szenario eines Erstschlags hat er sich rechnerisch auseinandergesetzt. Es galt zu ermitteln, mit welcher Wahrscheinlichkeit man durch den Einsatz von Atomwaffen in der Lage sei, die Raketen einer anderen Macht zu zerstören und somit einen Gegenschlag zu verhindern. Aber ein Ergebnis, in dem sich die wechselseitige Vernichtung verhindern ließe, gäbe es nicht. Die durch das Wettrüsten entwickelten Technologien, welche die Geschosse schneller und präziser machten, reduzieren die Wahrscheinlichkeit, einen Atomsprengkopf abzufangen. Das Aufkommen von Atom-U-Booten, welche zu jeder Zeit irgendwo im Meer stationiert sein könnten, würden einen Zweitschlag praktisch garantieren.
Zwischen Wissenschaft und persönlicher Belastung
Auch in seiner Freizeit beschäftigte ihn das Thema. Abends saß er häufig noch in der Kneipe „Tom Suden“ und las Berichte über die Einsätze der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki. Gemeinschaftliche Tischkickerpartien zwischendurch halfen ihm dabei, die Reportagen von unbeschreiblichem Leid auszuhalten. Da die Menschen damals von radioaktiver Strahlung nichts wussten, kehrte der Alltag in Hiroshima und Nagasaki schnell wieder zurück. Nur drei Tage später fuhr die Straßenbahn wieder, erzählt uns Dr. Sonntag. So starben Menschen an Verletzungen durch die unmittelbare Explosion und in den Tagen, Wochen und Jahren danach an den Folgen der Strahlung. Mit eindrücklichen Abbildungen veranschaulicht er seine Beschreibungen des verursachten Leids.
Die aktuelle politische Lage beunruhige ihn, schließlich seien die russischen Atomwaffen auch auf Deutschland gerichtet. Die Zukunft sei unsicher, auch weil sich der Krieg weiterentwickelt. Über zukünftige Formen der hybriden Kriegsführung, bei der durch Cyberangriffe kritische Infrastruktur ausgeschaltet würde, könne man nur spekulieren. Diese könnten aber ebenso gefährlich sein; einen Atomkrieg bräuchte man vielleicht nicht mehr, um Zerstörung anzurichten.
Zwischen Sorge und Zuversicht
Mit der anschließenden Fragerunde endet das Gespräch in einem optimistischeren Ton. Auf die Frage, wie er mit dieser Sorge trotzdem den Alltag bewältigen kann, antwortet er mit einem Spruch, der auf eine Überlieferung des Propheten Mohammed zurückgeht: „Vertraue Allah, aber binde dein Kamel an“. Das Leben geht weiter und wir müssen es so führen, dass das Morgen kommen wird. Dazu gehört es auch, sich für den Frieden zu engagieren.
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