Kinderbetreuung: Warum der Zugang noch immer vom Einkommen abhängt
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Donnerstag, Juli 16, 2026
Frühe Bildung erreicht benachteiligte Familien oft nicht
Frühkindliche Bildung stärkt die kognitive und soziale Entwicklung von Kindern, verbessert ihre späteren Bildungschancen und erleichtert insbesondere Müttern den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Dennoch nutzen Familien mit geringem Einkommen Betreuungsangebote deutlich seltener als einkommensstärkere Haushalte.
Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsteam mit Beteiligung von Philipp Lergetporer, Professor für Economics am TUM Campus Heilbronn. Gemeinsam mit Prof. Henning Hermes, Dr. Frauke Peter und Prof. Simon Wiederhold analysierte er die Ursachen sozialer Ungleichheiten beim Zugang zu frühkindlicher Betreuung in OECD-Ländern. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht.
Der Übersichtsartikel zeigt, dass fehlende Betreuungsplätze nur ein Teil des Problems sind – hinzu kommen finanzielle, organisatorische und administrative Hürden. Damit liefert der Beitrag einen differenzierten Blick auf die Ursachen sozialer Ungleichheiten.
Die Forschenden zeigen: Bei Kindern unter drei Jahren bestehen in einigen Ländern Unterschiede von bis zu 40 Prozentpunkten in den Betreuungsquoten zwischen einkommensstarken und einkommensschwachen Familien. Auch bei älteren Kindern bestehen die Unterschiede weiterhin. Besonders bemerkenswert ist, dass sich die Ungleichheiten trotz zahlreicher politischer Reformen in vielen Ländern kaum verringert haben.
Fehlende Betreuungsplätze sind nur ein Teil des Problems
Viele Eltern mit niedrigem Einkommen wünschen sich ausdrücklich einen Betreuungsplatz, stoßen jedoch auf zahlreiche Hürden. Dazu zählen fehlende Betreuungsplätze, hohe Eigenkosten, Personalmangel und komplizierte Anmeldeverfahren. Hinzu kommen unflexible Öffnungszeiten, schlechte Verkehrsanbindungen oder unzureichende Betreuungszeiten, die sich nur schwer mit Schicht- oder Teilzeitarbeit vereinbaren lassen. Auch mangelnde Informationen über Antragsverfahren oder Gebühren erschweren den Zugang. Zudem reagieren Betreuungseinrichtungen teilweise weniger positiv auf Anfragen benachteiligter Familien.
Die Folgen: Kinder aus benachteiligten Familien verpassen eine der wirksamsten Maßnahmen zur Verringerung von Bildungsungleichheiten. Gleichzeitig können viele Mütter ihre Erwerbstätigkeit nicht wie gewünscht ausweiten. Dies verstärkt langfristig Einkommensunterschiede und Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt.
Sechs Handlungsempfehlungen für mehr Chancengleichheit
Die Autorinnen und Autoren formulieren sechs zentrale Empfehlungen für Politik und Verwaltung. An erster Stelle steht der konsequente Ausbau der Betreuungsangebote – insbesondere für Kinder unter drei Jahren, bei denen der Mangel am größten ist. Gleichzeitig sollten Arbeitsbedingungen und Bezahlung des pädagogischen Personals verbessert werden, um ausreichend qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen und die Qualität der Betreuung langfristig zu sichern.
Darüber hinaus empfehlen die Forschenden, Anmeldeverfahren deutlich einfacher zu gestalten – etwa durch zentrale Bewerbungsplattformen, einheitliche Regelungen und einkommensabhängige Gebührenmodelle oder kostenfreie Betreuung. Persönliche Beratungsangebote und gezielte Informationskampagnen könnten Familien unterstützen, vorhandene Angebote besser zu nutzen. Digitale Plattformen und KI-gestützte Anwendungen, die leicht zugänglich sind, könnten künftig Verwaltungsprozesse vereinfachen und Familien schneller mit passenden Betreuungseinrichtungen zusammenbringen. Nicht zuletzt sollten Regierungen den demografischen Wandel frühzeitig berücksichtigen und Betreuungsinfrastruktur langfristig planen.
Aus Sicht des Forschungsteams stellt Kinderbetreuung nicht allein eine familienpolitische Leistung dar, sondern eine zentrale gesellschaftliche Infrastruktur. Hochwertige frühkindliche Bildung fördert die Chancengleichheit, stärkt die Erwerbsbeteiligung – und zahlt sich so langfristig für die gesamte Gesellschaft aus.
Zum Paper geht es hier.
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