VEM kritisiert Auswahlprozess für das neue EKD-Gesangbuch
Zentrale Frage: Wer saß mit am Tisch?
Im Zentrum der Kritik steht die Frage der Beteiligung: Ein Gesangbuch zeige, wer zu einer Kirche dazugehöre. Dass bereits Lieder aus der weltweiten Ökumene in der Liste enthalten seien, sei ein guter Anfang, reiche jedoch nicht aus, um von echter Teilhabe zu sprechen. Für die VEM beginnt Beteiligung dort, wo Menschen, die Ausgrenzung erfahren, bereits vor der Veröffentlichung einer Auswahl einbezogen werden – nicht erst danach. „Wenn die evangelische Kirche in Deutschland in einer vielfältigen Gesellschaft Zukunft haben will, braucht sie international erfahrene Stimmen und Perspektiven wie unsere.“, heißt es in der Stellungnahme. Die Gesangbuchkommission wird deshalb aufgerufen, ihre Arbeitsweise zu überdenken und international erfahrene Sichtweisen künftig frühzeitig am Auswahlprozess zu beteiligen.
Da die EKD den Lernprozess, Stimmen vom Rand ins Zentrum zu holen, noch vor sich habe, bietet die VEM in ihrer Erklärung an, ihre 30-jährige Erfahrung mit geteilter Entscheidungsmacht einzubringen. 1996 erhielten ihre Mitglieder aus Afrika und Asien erstmals volle, gleichberechtigte Mitgliedschaft, zugleich wurde mit Soritua Nababan erstmals ein indonesischer Theologe zum ersten Moderator gewählt.
Kritik an Theologie einzelner vorgeschlagener Autor*innen
Nach Einschätzung des international besetzten Vorstands weisen einige der vorgeschlagenen Autor*innen aufgrund ihrer öffentlich vertretenen theologischen Positionen Berührungspunkte zu rechten und nationalistischen Strömungen auf, etwa in Fragen von Familie, Nation und dem Umgang mit queeren Lebensweisen. Bewusst werden dabei keine Einzelpersonen benannt, da es um ein wiedererkennbares Muster, nicht um eine Anprangerung gehe. Die aus einem deutschen Missionswerk hervorgegangene Kirchengemeinschaft begründet ihre Sensibilität für derartige Muster mit der eigenen Geschichte, die von kolonialen Machtstrukturen, Ausgrenzung und nationalistischen Ideologien geprägt sei.
Die VEM ordnet ihre Stellungnahme zudem in einen größeren gesellschaftlichen Kontext ein: Angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks und des Erstarkens der AfD wachse für viele Menschen in Deutschland eine reale Bedrohung. Umso wichtiger sei es, dass Kirche in dieser Zeit klar Stellung beziehe und für den Schutz marginalisierter Menschen einstehe, damit sie ein sicherer Ort und Zufluchtsort bleibe. „Sicherheit in der Kirche ist keine Checkliste. Es ist eine Machtfrage: Wer entscheidet – und wer wurde vorher gefragt?“, fasst der Vorstand der VEM seine Position zusammen.
Die vollständige Stellungnahme steht auf der Website der VEM zum Download bereit.
Die Vereinte Evangelische Mission (VEM) mit Büros in Wuppertal, Indonesien und Tansania ist eine internationale, gleichberechtigte Gemeinschaft von 39 Mitgliedern, darunter 32 evangelische Kirchen in Afrika und Asien sowie sechs deutsche EKD-Kirchen und den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Die VEM verfolgt konsequent ein ganzheitliches Missionsverständnis. Dazu gehört, die Lebensumstände notleidender und benachteiligter Menschen unter Achtung ihrer persönlichen Würde und Berücksichtigung ihres kulturellen Kontexts zu verbessern.
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