Aus dem Forschungslabor zurück an den Teich
Teichwirt Karsten Tusche steht am Ufer eines seiner Teiche und zeigt auf ein paar kleine Hügel, die aus dem Wasser schauen. Das ungeübte Auge bemerkt sie kaum. „Da sind sie, diese dunklen Huckel“, sagt er und lächelt. „Die sind heute bis zur Nasenspitze im Wasser.“ Kaum hat er den Satz beendet, stapfen drei große Wasserbüffel langsam aus dem Teich. Mit der Ruhe der Tiere ist es allerdings schnell vorbei, als sie ihren Besitzer erkennen. Schließlich könnte er auch leckeres Futter für sie dabeihaben. Alle zwei Tage schaut er nämlich zum Füttern vorbei.
Die drei „Mädels“ sind alles, was von einer einst deutlich größeren Herde übrig ist. 2008 schaffte Tusche die ersten Wasserbüffel an, als Art natürliche Rasenmäher für die Uferflächen rund um die Teiche. Das Fleisch verkauften sie im Hofladen, wo sonst Fisch über die Theke geht. Zu Spitzenzeiten waren es 13 Tiere. Heute sind die Ladies vor allem eine Attraktion und Überraschung für Spaziergänger, die an und in den Teichen eher Wasservögel oder eben Fisch erwarten. Letzterer ist eigentlich Tusches Fachgebiet. Im Rahmen der diesjährigen Lausitzer Fischwochen, die vom 26. September bis 1. November stattfinden, ist er diesmal Teichwirt des Jahres.
Karpfen schlägt Wissenschaft
Tusches Eltern stammen aus der Oberlausitz, aus Viereichen. 1980 ziehen sie nach Frankfurt/Oder, wo Helmut Tusche für die damalige ZBE Satzfischproduktion arbeitet. Nur ein Jahr später kommt Sohn Karsten zur Welt. „Nach der Wende machte sich mein Vater sofort selbstständig“, erinnert der sich. Der Vater pachtet die Teichgruppe in Hammerstadt, bliebt mit der Familie aber in Frankfurt wohnen. „Ich bin quasi zwischen Fischen groß geworden“, erzählt Karsten Tusche weiter. Schon früh erfährt er, wie viel Arbeit notwendig ist, damit ein Karpfen auf dem Teller landet. Welche Sorgen der Vater hat, wenn Hitze oder Krankheiten den Fischen zusetzen. Dass der Job oft acht, manchmal aber auch zwölf Stunden Einsatz pro Tag bedeutet.
Druck, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, hätte er nicht verspürt. Trotzdem entscheidet er sich 2001 nach dem Abitur für ein Studium der Agrar- und Fischereiwissenschaften in Berlin. Fisch wird es danach beruflich – aber erst einmal ganz anders als gedacht. Er bleibt in der Wissenschaft und promoviert zum Thema Fischernährung. Am Fischereiforschungsinstitut in Büsum schaut er sich an, wie Forellen mit Kartoffeln gefüttert werden können. Heute ist Kartoffelprotein eine gängige Zutat für Fischfuttermixe. „Aber eine Karriere in der Forschung bedeutet eben, von Projekt zu Projekt, von Finanzierung zu Finanzierung zu denken“, sagt er. Letztlich ist das nichts für ihn.
Karsten Tusche mag es, dass er am Ende des Tages sieht, was er geschafft hat. Dass die Teichwirtschaft dem Jahreslauf unterworfen ist, mit allen Höhen und Tiefen. Dass er draußen unterwegs sein kann, nah an der Natur. Auch während der Zeit in der Forschung unterstützt er den Vater aus der Ferne weiter. 2011 schließlich kehrt er nach Rietschen zurück, um wenig später in den Betrieb einzusteigen.
Nimmersatte Plagegeister
Mit der Teichgruppe Hammerstadt hatte es begonnen. Dort ist die Struktur noch die gleiche wie vor 400 Jahren, ganz urtümlich, ohne Stromanschluss an den Teichen, ohne Belüftungsanlagen. Später kamen die Teiche in Rietschen und Deuben dazu, 2017 folgte Reichwalde mit rund 30 Hektar. Heute bewirtschaftet die Fischzucht Rietschen insgesamt 42 Teiche mit einer Größe von 260 Hektar. Dort tummeln sich Schleie, Barsch, Plötze oder Zander. Der wichtigste Fisch bleibt aber der Spiegelkarpfen. Drei bis vier Jahre wachsen sie heran, um dann verkauft zu werden. Rund 130 Tonnen produziert die Familie Tusche mit ihrem Team jedes Jahr. Seit 2024 ist Karsten Tusche Gesellschafter und Geschäftsführer des Betriebs. Sein Vater kümmert sich vor allem um den Firmenanteil bei Frankfurt/Oder.
Weniger Arbeit ist es als Chef nicht geworden, gesteht er. Es gibt viel zu tun, am Teich sowieso und zusätzlich noch im Büro. Die Landschafts- und Gewässerpflege gehört ebenfalls zu seinem Berufsbild. Tierische Baumeister wie Biber oder die invasive Art der Nutrias, die wichtige Vegetation fressen und die Uferbefestigungen aushöhlen, machen es ihm zusätzlich schwer.
„Acht bis 14 Prozent einer Teichfläche sollte ein geschlossener Schilfgürtel sein, damit sich Fische oder Wasservögel vor Räubern verstecken können“, erklärt er. Bei einigen Teichen liegt der Anteil nun aber unter drei Prozent. Gegen den Schutz der Biber hat er nichts. „Aber wir brauchen ein Umdenken, wenn dadurch andere Tierarten massiv bedroht sind.“
Fisch bis kurz vor Sommerbeginn
Einen guten Teil des produzierten Fischs verkauft die Fischzucht Rietschen in ihrem Hofladen. Das gesamte Team hilft dort und bringt den Fisch an die Menschen. Den direkten Kundenkontakt mag Tusche, die kurzen Gespräche über die Arbeit am Teich oder das beste Karpfenrezept. Geöffnet ist freitags von 8 bis 15 bzw. 17 Uhr und samstags von 8 bis 11 Uhr. Auch Räucherfisch ist im Angebot.
Weil ein Teil des Fangs eingefrostet wird, ist Fisch bis kurz vor Sommerbeginn noch zu haben. Dann warten alle aufs Abfischen im Herbst. „Einen großen Teil liefern wir auch nach Mecklenburg-Vorpommern.“ Wo Müritz-Fisch draufsteht, könnte dann auch Oberlausitz-Fisch drin sein, fügt er mit einem Schmunzeln hinzu.
Die Begeisterung für Fisch hat Karsten Tusche schon an die nächste Generation weitergegeben. Seine Kinder, sieben und 13 Jahre alt, sind wie er selbst mit dem Thema groß geworden. Ob sie die Teichwirtschaft mal übernehmen? Will das ihr Vater überhaupt? „Die Kinder sind voll in der Entwicklung und sollen selbst erst einmal schauen, wohin die Reise für sie geht.“
Zehn, 20 Jahre seien eine lange Zeit. Ob sich solch ein Unternehmen dann noch lohnt, wäre die Frage. Der Klimawandel führte auch im Frühjahr 2026 schon dazu, dass der Wasserstand in den Teichen gut einen halben Meter niedriger war als normal. Es ist eine Herausforderung, die in den kommenden Jahren größer werden könnte. „Ich würde meinen Kindern ungern einen Teppich ausrollen, der Löcher hat.“ Für ihn sei das jetzt der Traumjob. „Die nächste Generation darf gern einen eigenen haben.“
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