Bestehendes weiterbauen statt neu bauen: Kuhdammbrücke zeigt nachhaltige Ingenieurlösung

Was tun, wenn eine Brücke nach wenigen Jahren bereits zu klein für den wachsenden Verkehr ist? In Wustermark lautete die Antwort nicht: neu bauen. Die Kuhdammbrücke über den Havelkanal wurde stattdessen weitergebaut. Die 76,60 Meter lange Stabbogenbrücke wurde in der Mitte aufgetrennt, um 3,50 Meter verbreitert und gezielt verstärkt. Eine ungewöhnliche Lösung, die zeigt, wie Ingenieurleistung, Nachhaltigkeit und Baukultur zusammenwirken können.

Die 2005 errichtete Brücke war ursprünglich für eine einspurige Fahrbahn von 4,50 Metern ausgelegt. Mit der Entwicklung des Güterverkehrszentrums Wustermark nahm auch der Schwerlastverkehr deutlich zu. Eine zweispurige Fahrbahn mit acht Metern Breite wurde erforderlich.

Ein Ersatzneubau wäre die naheliegende Lösung gewesen. Stattdessen untersuchten die Verantwortlichen fünf Varianten und bewerteten diese unter anderem nach technischen und wirtschaftlichen Kriterien, Umweltverträglichkeit, Nachhaltigkeit, Bauzeit und Genehmigungsfähigkeit. Das Ergebnis war eine Lösung, die vorhandene Substanz konsequent nutzt: Die bestehende Brücke wurde mittig geteilt und um einen 3,50 Meter breiten Hohlkasten erweitert. Die Bögen wurden durch aufgeschweißte Laschen verstärkt.

Damit konnte ein Großteil des bestehenden Bauwerks erhalten werden. Für die Verbreiterung kamen rund 160 Tonnen Stahl hinzu, für die Anpassung der Uferpfeiler rund 520 Kubikmeter Beton. Der Verzicht auf einen vollständigen Neubau reduzierte den Ressourcenverbrauch und erwies sich zugleich als wirtschaftlich günstigste Variante.

Aus Sicht der Brandenburgischen Ingenieurkammer steht die Kuhdammbrücke beispielhaft für eine Ingenieurplanung, bei der Nachhaltigkeit bereits mit der grundlegenden Frage beginnt, wie vorhandene Bauwerke weiterentwickelt werden können. Gerade im Infrastrukturbereich liegt ein großes Potenzial darin, bestehende Konstruktionen technisch präzise zu analysieren, ihre Leistungsfähigkeit zu erweitern und dadurch Ressourcen sowie Material einzusparen. Diese Verbindung aus technischer Qualität, Wirtschaftlichkeit und verantwortungsvollem Umgang mit dem Bestand ist ein wesentlicher Bestandteil gelebter Baukultur.

Nachhaltigkeit beginnt bei der Planung

Die Zukunftsfähigkeit des Projekts zeigt sich nicht allein im Umgang mit der vorhandenen Bausubstanz. Auch die Planungsprozesse wurden weiterentwickelt. Die VIC Planen und Beraten GmbH nutzte die Kuhdammbrücke als Einstieg in Building Information Modeling (BIM) und führte die digitale Planungsmethode im Rahmen dieses Projekts erfolgreich im Unternehmen ein.

Gerade bei Umbau- und Weiterbauprojekten unterstützt BIM dabei, Informationen über bestehende und neue Bauteile zusammenzuführen und die Zusammenarbeit der verschiedenen Projektbeteiligten zu verbessern. Die Kuhdammbrücke verbindet damit zwei wesentliche Aspekte moderner Ingenieurplanung: den nachhaltigen Umgang mit vorhandenen Bauwerken und die digitale Weiterentwicklung von Planungsprozessen.

Baukultur vor Ort an der Kuhdammbrücke

Wie diese Verbindung von Ingenieurleistung, Nachhaltigkeit und Baukultur in der Praxis entsteht, stand am 2. September 2026 im Mittelpunkt des dritten Gesprächs der Veranstaltungsreihe „Baukultur vor Ort“ der Brandenburgischen Ingenieurkammer und der Brandenburgischen Architektenkammer. Gemeinsam mit Projektbeteiligten besichtigten 23 Teilnehmende die ausgezeichnete Brücke und erhielten unmittelbar vor Ort Einblicke in die planerischen, technischen und konstruktiven Besonderheiten des Projekts.

Im anschließenden Gespräch diskutierten Vertreter der Gemeinde Wustermark, der Planung, der Projektentwicklung, der beiden Kammern und Interessierte über die Entstehung der Brücke, die Herausforderungen des Weiterbaus und die Bedeutung nachhaltiger Infrastruktur für die Zukunft. Deutlich wurde dabei, dass innovative Ingenieurlösungen häufig nicht im Neubau liegen, sondern in der intelligenten Weiterentwicklung bestehender Bauwerke.

Für diesen Ansatz wurde die Kuhdammbrücke beim Brandenburgischen Baukulturpreis 2025 mit einer Anerkennung ausgezeichnet. Die Jury würdigte damit eine nachhaltige Infrastrukturentwicklung, die technische Innovation mit einem verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen verbindet.

Die Kuhdammbrücke macht deutlich, dass Baukultur weit über Gebäude hinausgeht. Auch Brücken und andere Infrastrukturbauwerke prägen unsere gebaute Umwelt und tragen wesentlich zur Qualität unserer Städte und Gemeinden bei. Ihre Qualität entsteht durch das Zusammenspiel von Funktion, Gestaltung, technischer Leistungsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit – und damit durch die Ingenieurleistungen, die solche Bauwerke zukunftsfähig machen.

Hier können Sie sich Fotos von der Veranstaltung downloaden:

https://kurzlinks.de/6ike

Hintergrund zum Brandenburgischen Baukulturpreis

Der Brandenburgische Baukulturpreis zeichnet Projekte aus, die in besonderer Weise zeigen, wie Qualität im Planen und Bauen entsteht. Im Mittelpunkt stehen nicht nur fertige Bauwerke, sondern auch die Ideen, Prozesse und die Zusammenarbeit, die dahinterstehen.

Ausgezeichnet werden Projekte, die Architektur, Ingenieurwesen, Landschaftsplanung, Verwaltung und Bauherrschaft in vorbildlicher Weise zusammenbringen. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel von funktionaler Lösung, gestalterischer Qualität und gesellschaftlicher Verantwortung.

Der Preis macht sichtbar, was sonst oft im Hintergrund bleibt: gute Baukultur entsteht im Dialog vieler Beteiligter und prägt langfristig unsere Städte, Dörfer und Infrastrukturen. Er gibt zugleich Orientierung für zukünftige Bauaufgaben und zeigt, wie nachhaltiges, innovatives und qualitätsvolles Bauen in Brandenburg gelingt.

Der Preis wird gemeinsam von der Brandenburgischen Ingenieurkammer (BBIK) und der Brandenburgischen Architektenkammer (BA) mit Unterstützung des Ministeriums für Infrastruktur und Landesplanung (MIL) aller zwei Jahre ausgelobt.

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