Textilrecycling zwischen Anspruch und Realität: Südwesttextil ordnet Status quo ein
Mit der Ökodesign-Verordnung, der geplanten nationalen Umsetzung der erweiterten Herstellerverantwortung durch das Textilgesetz und der Diskussion über Rezyklatquoten werden derzeit zentrale Rahmenbedingungen für die textile Kreislaufwirtschaft ausgestaltet. Eine mehrmonatige Untersuchung von Südwesttextil zu verfügbaren Recyclingverfahren, realen betrieblichen Abfallströmen sowie zur Markt- und Forschungslandschaft zeigt jedoch: Für die Breite real anfallender textiler Abfälle steht derzeit kein flächendeckend industriell verfügbares und wirtschaftlich tragfähiges Faser-zu-Faser-Recyclingsystem zur Verfügung.
Für einzelne, klar definierte Stoffströme bestehen zwar geeignete Recyclingwege, in der betrieblichen Praxis treffen diese jedoch auf Mischtextilien, Farbstoffe, Ausrüstungen, geringe Losgrößen sowie hohe Anforderungen an Sortierung und Vorbehandlung. Die technische Existenz eines Recyclingverfahrens bedeutet daher noch nicht, dass textile Abfälle in ausreichender Menge und Qualität hochwertig in den textilen Kreislauf zurückgeführt werden können.
„Wir unterstützen ausdrücklich das Ziel, textile Ressourcen länger und hochwertiger im Kreislauf zu führen. Gerade deshalb dürfen politische Zielwerte nicht der industriellen Realität vorauseilen. Eine Quote schafft weder geeignete Stoffströme noch Recyclingkapazitäten oder Absatzmärkte. Regulierung muss dort ansetzen, wo sie nachweisbar ökologische Wirkung erzielt und technisch sowie wirtschaftlich umgesetzt werden kann“, erklärt Edina Brenner, Hauptgeschäftsführerin von Südwesttextil.
Regulierung darf dem Markthochlauf nicht vorgreifen
Bei der nationalen Umsetzung der Erweiterten Herstellerverantwortung fordert Südwesttextil eine konsequente Orientierung am europäischen Rechtsrahmen. Die novellierte EU-Abfallrahmenrichtlinie soll bis Ende 2029 prüfen, ob Zielgrößen unter anderem für Abfallvermeidung, Sammlung, Vorbereitung zur Wiederverwendung und Recycling erforderlich sind. Aus Sicht des Verbands gilt daher eine klare Reihenfolge: Zunächst müssen ökologische Hebel und relevante Stoffströme bestimmt und die Voraussetzungen für ihre Kreislaufführung geschaffen werden. Erst auf belastbarer Grundlage und bei nachweisbarer ökologischer Wirkung können geeignete und überprüfbare Zielgrößen festgelegt werden.
Erweiterte Herstellerverantwortung muss Kreislaufstrukturen voranbringen
Entscheidend ist die Zielsetzung, zusätzliche Kreislaufstrukturen zu schaffen. Eine reine Refinanzierung bestehender Sammel- und Verwertungskapazitäten reicht nicht aus. Vielmehr sollten die Mittel dort zusätzliche Wirkung entfalten, wo heute noch strukturelle Voraussetzungen für funktionierende Kreisläufe fehlen – etwa bei der Bündelung und Sortierung geeigneter Stoffströme, der Skalierung von Recyclingverfahren, der Weiterverarbeitung von Rezyklaten oder der Entwicklung tragfähiger Absatzmärkte. Hersteller brauchen zudem angemessene Mitwirkungs- und Kontrollmöglichkeiten bei Systemkosten, Mittelverwendung und Zielerreichung.
Kreislaufwirtschaft braucht industrielle Abnehmerstrukturen
Sammlung und Recycling allein schließen außerdem noch keinen textilen Kreislauf. Zurückgewonnene Rohstoffe müssen anschließend wieder zu Fasern, Garnen, Flächen und textilen Produkten verarbeitet werden können. Dafür braucht es wettbewerbsfähige industrielle Verarbeitungskapazitäten und tragfähige Absatzmärkte.Die Herausforderung: Teile der textilen Produktion finden außerhalb Europas statt. Werden Rezyklate in Europa gewonnen, müssen sie daher häufig zu Produktionsstandorten außerhalb Europas transportiert werden. Auch die dadurch entstehenden Kosten müssen im Gesamtkontext berücksichtigt werden. Gleichzeitig stehen europäische Rezyklate im Preiswettbewerb mit oftmals günstigeren Primärrohstoffen. Kreislaufwirtschaft muss deshalb auch industrie- und wettbewerbspolitisch gedacht werden.Aus dem Positionspapier leitet Südwesttextil Anforderungen an eine technisch erreichbare, ökologisch begründete, wirtschaftlich tragfähige und in der Praxis umsetzbare Regulierung der textilen Kreislaufwirtschaft ab.
Eine kompakte Kurzfassung bündelt die zentralen Erkenntnisse und Forderungen. Die ausführliche Langfassung dokumentiert die Untersuchung, ihre Datengrundlage und Ergebnisse im Detail.
Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist Deutschlands zweitgrößte Konsumgüterindustrie und bei technischen Textilien Weltmarktführer.
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